Den Smartphones sei dank

Vorbei die Zeiten, in denen man mit gepflegtem Halbwissen brillieren konnte. Die Gefahr aufzufliegen war recht klein, denn wer wollte es überprüfen? Wer machte sich schon die Mühe, ein Lexikon zu Rate zu ziehen oder gar eine Universitätsbibliothek aufzusuchen? Vielleicht, wenn man dem Redeschwinger die bewundernden Blicke der Frauen nicht gönnte. Aber wer dann später seine Recherche-Ergebnisse präsentierte, wurde schnell "Du bist ja so kleinkariert!" abgewehrt wie ein lästiges Insekt und zu geistiger Großzügigkeit ermahnt.
Aber heutzutage? Vorbei die schönen Zeiten! Gerade hatte man wieder einen hervorragenden Beitrag geleistet und die Unterhaltung in Schwung gebracht, da fährt ein Finger über das Display eines Smartphones - warum feuchten die den Finger eigentlich nicht an? - und hebt sich keck in die Höhe: "Moment mal! Hier steht aber....." und niemand sagt "kleingeistig oder ähnliches". Anscheinend ist die Ehrfurcht vor dem Wissen, das aus den Sphären gesogen wurde, noch viel zu groß. Bis sich das ändert, wenn es überhaupt dazu kommt, hilft nur noch eines:

Der geordnete Rückzug. Nicht etwa auf politische Meinungen. Sie sind zwar per se einer Überprüfung nicht zugänglich aber um zu wirken müssen sie kontrovers sein und das ist gefährlich, denn sie kleben an einem. Also schweigt man in der Runde und wartet auf die Gelegenheit im vertrauten Zwiegespräch: 

Ich mag deine Augen. Und ... ach ja Sie wissen schon.

Lesungen und Kunst

Wenn Musik Lyrik untermalt, erschließen sich oft neue Wege zu den Bildern in den Gedichten. Begegnen sich Musik und Lyrik in einer Galerie, treffen die Klangbilder auf die ausgestellten Werke und regen vielleicht dazu an, sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Besonders spannend wird es, wenn Gedichte Künstler dazu verführen, die Texte in Bilder umzusetzen.

Samstag 12. November 2011 - 18:00 | Atelier Daniela Baumann, Sommerstrasse 17a, 42655 Solingen. Eintritt frei.  gespannte feder leicht liegst du in meinem atem Performance zur Ateliereröffnung . Daniela Baumann stellt ihre neuen Atelierräume vor. Sie zeigt dabei auch Arbeiten, in denen sie einige meiner Gedichte in Bilder umgesetzt hat. Gunda Gottschalk (Violine) und ich geben dazu eine Performance.

Am_ende_die_dinge_flustern

"am ende die dinge flüstern hören"

Samstag 26. November 2011 - 16:00 Uhr  | Kunstwerk Nippes Baudri-Straße 5, 50733 Köln. Telefon: 0221- 7328497.  Lesung in der Galerie  Lyrik  Joachim Harms, Ingritt Sachse und Elke Tilk  Violon-Cello Bernhard Zapp. Das Kunstwerk Nippes stellt zur Zeit Werke von Botond (3. März 1949 - 27. Oktober 2010) zum Thema Schlaf-Alvás aus. 

Aktuelle Termine

Sonntag 9. Oktober 2011 11:00| Café Libresso, Fleischmengergasse 29, 50676 Köln. Telefon: 0221-237379. Eintritt frei. Kleider tauschen – Lesung mit Joachim Harms, Ingritt Sachse, Elke Tilk und Konstantin Gockel (Violine). Einlass und Gelegenheit zum Früstücken ab 10:00.

Immer neu, immer anders. Tauschen, täuschen, sich täuschen. Sind Ameisen blau? Was bleibt? Mehr als genug, meinen die Autoren und wollen sich keinen Reim darauf machen sondern lassen ihn im Zeilensprung verschwinden.

Samstag 10. September 2011 und Sonntag 11. September 2011| Sub Sol, Ackerstrasse 67, 40233 Düsseldorf. Eintritt frei. Du wirst auch immer fetter – Collage aus Lyrik und Freejazz im Rahmen der Kunstpunkte 2011. Uwe Juchum (Saxophon) und weitere Musiker in wechselnden Formationen begeben sich mit dem Lyriker Joachim P. Harms auf Grenzgänge im Alltag.      

Freitag 30. September 2011 19:00 | Im Ort, Luisenstrasse 116, 42103 Wuppertal. Eintritt frei. Andreas Junge 89 Zeichnungen Der Katalog "Andreas Junge 89 Zeichnungen" wird im Ort in Wuppertal präsentiert. Joachim P. Harms (Sprecher) und Uwe Juchum (Saxophon) werden zur Präsentation eine kurze Lesung aus dem Buch "Der Ochse" geben.Der Katalog enthält 89 Zeichnungen von Andreas Junge sowie 9 Texte aus seinem autobiografischen Buch "Der Ochse". 

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Angaben zum Katalog: Andreas  Junge 89 Zeichnungen
Auflage 750 Stück, Preis 32 Euro
Layout: Jorgo Schäfer, gedruckt von der Druckerei Hitzegrad, Wuppertal mit freundlicher Unterstützung des Skulpturenpark Waldfrieden. Der Erlös des Kataloges fließt in den Erhalt des Bestandes von Andreas Junge. Der Katalog wird demnächst im Skulpturenpark Waldfrieden, im Ort, in der Galerie Grölle passprojects, bei Hans-Christian Günther und Sylvie Hauptvogel verkauft.

 

 

 

Aber die Gesellschaft muss sich wandeln

Es ist einer der seltenen Momente, in denen der DJ die Platten nicht übergangslos wechselt. Zwei in die Jahre gekommene Intellektuelle pflegen in der Altstadt ihre Träume und diskutieren über die Gesellschaft. Dazu läuft gute Rockmusik von damals. An der Bar drei junge Paare. Sie drehen Zigaretten und sehen aus, als wären sie gerade aus Woodstock gekommen.

Freejazz und heavy metall. Eine andere Kneipe hat vor ein paar Tagen neu aufgemacht. Ein gekachelter Schlauch. Im vorderen Teil die Theke, davor nur Tätowierte. Im hinteren Teil eine Tanzfläche, wo sich junge Leute aus gutem Hause einem Hauch des wilden Lebens aussetzen.

Zum Abschluss Electric Jazz in einem Club. Einige versuchen sich dazu zu bewegen, andere geben sich sehr verständig, sind aber doch eher für bauchfreie Ausblicke aufgeschlossen.

Früh am morgen nach Hause. Eine junge Frau schreit einem Mann hinterher: Gib mir meine Jacke. Nur wenn du mit redest.

Glasscherben auf der Straße. In den Seitenstraßen die ersten Wagen der Straßenreinigung.

Zwischen Planierraupen und Porzellan - Imbiss im Flughafen

Rechts neben mir am Imbiss im Flughafen sitzt die Marketingleiterin einer Porzellanfirma. Sie haben sich auf Service für Staatsbankette und Königshäuser spezialisiert. Für die Verhandlungen mit den Einkäufern an den Höfen und Protokollchefs, erzählt sie mir, bräuchte man Nerven und eine hohe Frustrationstoleranz. Das könne er bestätigen. Er sitzt links neben mir an der Theke und hat auch hin und wieder mit staatlichen Einkaufsabteilungen zu tun. Seine Firma vertreibt Ketten für Planierraupen.   

Stückzahlen, Preisgefüge und Vertriebstrukturen. Die beiden sind mit Herzblut bei der Sache und stecken sich mit ihrer Begeisterung an. Ich sitze dazwischen vor meinem Lachs und stelle mir vor, wie man dem Fahrer einer Planierraupe einen Darjeeling in einer Tasse aus feinem China-Porzellan reicht. Gerade habe ich es geschafft, eine Kirschtomate mit der Gabel aufzuspießen, da wird mein Flug aufgerufen.

Die beiden Vertriebsleute unterbrechen nur kurz ihre Unterhaltung, als ich mich verabschiede. Sie haben sich fest geredet und sind immer noch dabei, als ich zurück blicke. 

An der Passkontrolle nehme ich kurz meinen Hut ab. Der Polizist lächelt und wünscht mir einen guten Flug. 

Aktuelle Termine

Sonntag 27. März - 11:00 Uhr | Café Libresso, Fleischmengergasse 29, 50676 Köln. Telefon: 0221-237379. Eintritt frei. Einlass und Gelegenheit zum Frühstück ab 10:00 Uhr. Zwischen Milchreis und Bratkartoffeln Lesung mit Ingritt Sachse, Joachim Harms und Uwe Juchum (Saxophon).Zwischen Milchreis und Bratkartoffeln kann ein Nachmittag, eine Kindheit, ein ganzes Leben liegen. Aber manchmal auch ein Missverständnis. Mitunter kann es ein Ereignis mit schwerwiegendem  Ausgang sein, wenn jemand Milchreis will aber Bratkartoffeln bekommt.   

Ingritt Sachse und Joachim Harms werden mit ihren Gedichten die Lücke zwischen den Gerichten  vermessen. Uwe Juchum betätigt sich am Saxophon als musikalischer Brückenbauer.

Sonntag 29. Mai - 13:00 Uhr | Bücherei Gerresheim, Heyestraße 4, Düsseldorf Gerresheim. Collage aus Lyrik und Musik mit Uwe Juchum (Saxophon). Veranstalung im Rahmen der Gerresheimer Kunstmeile. Es lesen auch Axel Hippe, Christof Nikodemus und Hans-Georg Schipping. Details siehe ben06.

Bedingungsloses Grundeinkommen - ein weiterer Schritt zur Beschleunigung des sozialen Wandels?

Mit der Einführung des Autos konnte man in Stunden Dinge erledigen, für die man sonst Tage gebraucht hätte. So war es auf einmal möglich an einem Tag einen Ausflug zu einem Park zu unternehmen, sich mit Freunden zu treffen und abends ins Theater zu gehen. Das Auto eröffnete zudem weitere neue Möglichkeiten. Man konnte eine neue Stelle annehmen ohne gleich umziehen zu müssen.  

Das Leben wurde schneller und unbeständiger. Bald kam es zu neuer Zeitnot, neue Straßen wurden gebaut und mit dem Internet kann man heute vielfach auf das Reisen ganz verzichten. Und schon wieder klagt man über die Emailflut...

Die Einführung eines unbedingten Grundeinkommens, so bemessen, ein sorgenfreies wenn auch bescheidenes Leben zu führen,  könnte diesen sich selbst verstärkenden Kreislauf aus technischer Beschleunigung und gesteigertem Tempo des gesellschaftlichen Wandels durchbrechen. Allerdings ist Beschleunigung, so Hartmut Rosa in seinem gleichnamigen Buch, der Motor der Moderne. Der Drang nach Geschwindigkeit ist so groß, dass die Beschleunigungsgesellschaft sich ihre Institutionen schafft, um Gegenbewegungen zu integrieren. Die soziale Marktwirtschaft pufferte Verwerfungen im Zuge der Industrialisierung ab und verhalf der weiteren Beschleunigung zum Siegeszug.

Letzten Endes könnte also auch das unbedingte Grundeinkommen eine weitere Institution sein, mit der die Beschleunigungsgesellschaft Widerstände gegen die  Steigerung des Tempo des gesellschaftlichen Wandels überwindet. Und das Grundeinkommen könnte somit zu einem weiteren Motor der Beschleunigung werden. (Damit soll aber hier kein Plädoyer gegen die Einführung des unbedingten Grundeinkommens gemeint sein!) 

 

Fische

Woher kommt aber dieser Drang zur Beschleunigung? Rosa macht den Ursprung dieser Entwicklung in der Säkularisierung aus. Mit dem Wegfall transzendenter Heilsversprechen wird der Tod zum finalen Schlusspunkt und die Angst, in ihrem Leben etwas versäumt zu haben, ergreift von den Menschen Besitz. So streben sie danach, in ihrer endlichen Lebensspanne möglichst viel von dem auszukosten, was die Welt zu bieten hat und möglichst viele ihrer Potentiale und Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen.

Der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens könnte ein ähnlicher Mechanismus inne wohnen. Denn ein Grundeinkommen könnte ja einen Zwang aufbauen, neue Dinge wie zum Beispiel eine Karriere als Künstler oder eine Selbstständigkeit auszuprobieren. Die Rechtfertigung, man könne in wirtschaftliche Not fallen, wäre keine valide Rechtfertigung mehr. 

Foto ©Eva Brandecker

trieb Zwischenspiele - Performance zu den Kunstpunkten 21. August 2010

21. August 2010 - Kompromisslosigkeit war die Klammer, die Musik, Kunst und Lyrik verband.

Uwe Juchum's Spiel schon zum Beginn der Performance, eruptiv und wild, zerriss jeden Gesprächsfaden und zog die Aufmerksamkeit auf das Geschehen.

(download)

Fotos: Götz Weidenmüller / Wolfgang Wegener

Die Kunstperformance von entschiedener Schlichtheit. Die Triebwurzel und die Form der Hüllen legten zwar eine sinnliche Interpretation nahe, jedoch wurde diese dadurch kontrastiert, dass die Objekte in Schwarz-Weiß gehalten waren. Desgleichen waren Helga Weidenmüller's Bewegungen beim Aufstecken und Abnehmen der Hüllen von sachlicher Eleganz, ohne jede Andeutung.

An einer Stelle im Text hieß es: "Gewalt ist Energie, wie der Schaffensdrang, wie das Begehren." Einige meiner erotischen Gedichte kamen mit ihrer Engführung von Leidenschaft und Gewalt in diesem Rahmen voll zur Geltung: Kompromisslose Sinnlichkeit. 

Aktuelle Termine

Samstag 21. August - 16:00 und 19:00 Uhr  | Atelier Felicitas Lensing-Hebben, Ackerstrasse 144, 40233 Düsseldorf. Telefon: 0211-6218844. Eintritt frei.  Trieb Zwischenspiele Performance im Rahmen der Kunstpunkte 2010. Plastik: Helga Hawe Weidenmüller  Lyrik  Joachim Harms  Saxophon  Uwe Juchum 

Freitag 10. September  - 20:00 Uhr  | Kulturkeller Kalk, Kalk-Mülheimer Strasse 58, 51103 Köln. Telefon: 0221- 987602-0. Einlass ab 19:30 Eintritt frei.  Rezital  Lyrik  Joachim Harms  Violine Konstantin Gockel. An diesem Abend sind außerdem das Susanne Bartelt Quartett mit eigenen Liedern, Richard Schütz, Piano solo und Markus Berger "der miese peter", Kabarett zu sehen und zu hören.